Können Rechenzentren im Weltraum künftig einen Teil der Lösung liefern – und welche Rolle könnte das Land Hessen dabei spielen? Darüber diskutierte Hessens Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus beim Digital Leaders Roundtable mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Raumfahrt in der Hessischen Landesvertretung in Brüssel.
„Rechenzentren im Weltraum klangen lange nach Science-Fiction. KI-Anwendungen lassen den Bedarf an Rechenleistung rasant steigen und gleichzeitig werden Energie, Flächen und belastbare Stromnetze auf der Erde knapper. Deshalb sollten wir heute prüfen, welche digitale Infrastruktur wir morgen brauchen könnten. Europa darf dabei nicht warten, bis andere die Technologien, Standards und Spielregeln festgelegt haben. Wir müssen selbst gestalten“, sagte Digitalministerin Sinemus. Hessen bietet dafür ideale Voraussetzungen: Hier treffen mit dem DE-CIX einer der weltweit größten Internetknoten, eine der bedeutendsten Rechenzentrumsregionen Europas und das europäische Raumflugkontrollzentrum ESOC aufeinander. Hinzu kommen starke Forschungsstandorte wie die TU Darmstadt und die Goethe-Universität Frankfurt. „Diese Verbindung ist in Europa etwas Besonderes. Genau deshalb kann Hessen ein Ort sein, an dem aus einer Zukunftsidee ein konkretes europäisches Projekt wird.“
Konkrete Roadmap zur Realisierung
Gemeinsam mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA und weiteren Partnern arbeitet Hessen bereits an einem Whitepaper um eine konkrete Roadmap zur Realisierung eines Pilotprojekts auf den Weg zu bringen. Orbitale Systeme könnten langfristig Rechenzentren auf der Erde ergänzen und zusätzliche Kapazitäten sowie Ausweichmöglichkeiten in Krisensituationen schaffen.
Am Roundtable unter dem Titel „Space-based Data Centres – Sci-Fi or Next Frontier?“ nahmen neben Ministerin Sinemus weitere Vertreter aus Politik, Raumfahrt und Digitalwirtschaft teil: Dr. Sergey Lagodinsky, Mitglied des Europäischen Parlaments, Ian Carnelli, Abteilungsleiter „Systeme“ bei der ESA, Ivo Ivanov, CEO der DE-CIX Group, und Dr. Thomas Eckert, Leiter der Hessischen Landesvertretung bei der EU.
Dr. Sergey Lagodinsky: „Wir brauchen sowohl europäische Rechenkapazitäten als auch eine europäische geopolitische Vision für den Weltraum. Vielleicht könnten solche Rechenzentren ein Weg sein, beide Ziele miteinander zu verbinden. Doch bevor wir so weit sind, müssen noch viele Fragen geklärt werden – von der Finanzierung bis zur Kühlung, von der Strahlenbelastung bis hin zur übermäßigen Abhängigkeit von ausländischen Technologien.“
Wandel gestalten
Ian Carnelli: „Rechenzentren im Weltall sind Teil eines weitaus größeren Wandels: Weltraum- und terrestrische digitale Infrastrukturen wachsen zunehmend zu einem vernetzten Ökosystem zusammen. Europa hat die Chance, diesen Wandel anders zu gestalten – mit einem souveränen europäischen Kern, ergänzt um nationale und kommerzielle Kapazitäten, die von vornherein interoperabel ausgelegt sind, sowie einer verteilten Infrastruktur zur Datenverarbeitung im Weltraum, die als verbindende Ebene für die europäischen Weltraumsysteme dient. Auf diese Weise können wir Skaleneffekte, Resilienz und technologische Souveränität erreichen, zugleich den Wettbewerb erhalten und neuen Akteuren ermöglichen, sich einzubringen.“
Ivo Ivanov: „Die nächste Entwicklungsstufe des Internets endet nicht an der Erdatmosphäre. Wenn Rechenleistung und Daten künftig zunehmend im Weltraum entstehen und verarbeitet werden, brauchen wir auch dort eine leistungsfähige, sichere und souveräne Vernetzungsinfrastruktur. Unsere Vision ist der Space-IX: ein neutraler Internetknoten im All, der Satellitennetze und orbitale Rechenzentren nahtlos untereinander und mit digitalen Ökosystemen auf der Erde verbindet. Hessen vereint Raumfahrtkompetenz, Forschung, Rechenzentren und mit dem DE-CIX in Frankfurt Europas größten Internetknoten. Damit hat das Land das Potenzial, zum Ausgangspunkt einer neuen europäischen Infrastruktur im All zu werden.“